Live erlebt

Live erlebt: Thomas Müller und „Keine Angst vor der Angst“

Titelbild: Live erlebt: Thomas Müller und „Keine Angst vor der Angst“

Manchmal komme ich von einem Vortrag nach Hause und bin einfach geflasht. Am 5. November 2026 war das so. Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller sprach in Zell am See über das Thema Angst, 75 Minuten lang und ohne eine einzige Folie. Ich hätte ihm noch stundenlang zuhören können.

Eingeladen hatten die Prodinger Steuerberatung und die Prodinger Unternehmensberatung Neopraxx GmbH, in einem kleinen, feinen Kreis. Danke für die Einladung, es war mir eine Freude und eine Ehre, dabei zu sein.

Weil mich solche Abende genauso viel lehren wie die großen TED Talks, starte ich damit eine neue Serie. Sie heißt Live erlebt. Hier schreibe ich über Vorträge, die ich selbst im Publikum gesehen habe, und darüber, was du davon für deinen eigenen Auftritt mitnehmen kannst.

Der Vortrag in Kürze

Redner Hon.-Prof. Mag. Dr. Thomas Müller, Kriminalpsychologe und Profiler aus Innsbruck
Titel „Keine Angst vor der Angst“, im Rahmen der Herbstgespräche 26
Veranstalter Prodinger Steuerberatung und Prodinger Unternehmensberatung Neopraxx GmbH
Ort und Datum Zell am See, 5. November 2026
Dauer rund 75 Minuten
Folien keine

Thomas Müller hat ab 1993 den Kriminalpsychologischen Dienst im österreichischen Innenministerium aufgebaut. Ausgebildet hat ihn unter anderem der FBI-Profiler Robert Ressler. Bekannt ist er auch durch seine Bücher wie „Bestie Mensch“.

Roll-up der Prodinger Herbstgespräche 26 mit Thomas Müller und dem Vortragstitel „Keine Angst vor der Angst“
Herbstgespräche 26 bei Prodinger in Zell am See

Der Einstieg: ein Heimspiel

Bevor Müller zu sprechen begann, gab es eine Einleitung der Gastgeber. Sie sollte kurz sein und dauerte am Ende rund 15 Minuten. Müller griff das auf und erinnerte mehrmals mit einem Augenzwinkern daran, dass man ihm eine kurze Einleitung versprochen hatte. Der Saal lachte, und das Eis war gebrochen.

Dann erklärte er, dass das für ihn eine Art Heimspiel sei. Als Tiroler könne er hier so reden wie zu Hause, und trotzdem verstünden ihn alle. Genau so sprach er dann auch, gut verständlich und mit hörbarem Tiroler Dialekt.

Das ist mehr als ein netter Gag. In meiner Haus des Redens Methode beginnt alles beim Fundament, und dazu gehört, dass du auf der Bühne du selbst bist. Müller spielt keine Rolle. Er redet, wie er redet, und gerade deshalb hört man ihm vom ersten Satz an gerne zu.

Übung. Achte bei deinem nächsten Auftritt darauf, wie du sprichst. Wenn du dich für die Bühne verbiegst, versuche es beim nächsten Mal mit deiner normalen Sprache, so wie du mit Kollegen redest.

Die Ausgangsfrage: sicher und trotzdem voller Angst

Inhaltlich stieg Müller mit einem Widerspruch ein. Statistisch gesehen war die Welt noch nie so sicher wie heute. Und trotzdem gab es noch nie so viele Menschen, die unter Angst leiden. Es ist eine sehr subjektive Angst, wie er betonte.

Dann bat er das Publikum, sich gedanklich die eigenen drei größten Ängste zu merken. Diese Ängste sollten wir im Lauf des Vortrags aus mehreren Blickwinkeln betrachten, aus einem spielerischen, einem medizinisch-psychologischen und weiteren, insgesamt etwa sechs. Und er versprach, dass die eigenen Ängste kleiner werden, wenn man sie aus diesen verschiedenen Perspektiven anschaut.

Das ist rhetorisch sehr klug. Mit einer einzigen Bitte holt er jeden im Saal persönlich ins Thema, ohne dass jemand die Hand heben oder etwas sagen muss. Und mit seinem Versprechen beantwortet er gleich zu Beginn die Frage, die sich jedes Publikum still stellt. Was habe ich davon?

Geschichten statt Folien

Der ganze Vortrag war voller Geschichten und Anekdoten. Zwei davon sind mir besonders hängen geblieben.

Die erste stammt aus seinen Einsätzen bei Menschen, die sich das Leben nehmen wollten. Bei vielen sei er früher gescheitert, erzählte er offen. Bis er in einem entscheidenden Fall seine Gesprächstaktik änderte und Erfolg hatte. Seither hat er keinen Menschen mehr verloren. Eindrücklicher kann man kaum zeigen, welche Macht persönliche Kommunikation hat.

Die zweite Geschichte handelte von einem befreundeten Arzt. Medizinisch eine absolute Koryphäe, aber mit der sozialen Kompetenz eines Mikrofons, wie Müller es formulierte. Dieser Arzt rief ihn an, weil ihn eine langjährige Patientin angebrüllt hatte, und er verstand nicht, warum.

Die Vorgeschichte erklärte alles. Die Patientin war an einem Donnerstag bei ihm, um abzuklären, ob sie schwer krank sei. Der Arzt versprach, sich am Freitag bei ihr zu melden. Sie war so nervös, dass sie am Freitag nicht zur Arbeit ging und den ganzen Tag auf den Anruf wartete. Der Anruf kam nicht. Über das Wochenende wurde aus der Ungewissheit Nervosität und aus der Nervosität Wut. Am Montag rief sie selbst an. Zuerst war der Arzt noch nicht da, dann war er in einem Gespräch. Als sie ihn beim dritten Versuch erreichte, brach alles aus ihr heraus. Der Arzt meinte nur, es sei doch alles in Ordnung, sie sei gesund, warum sie sich so aufrege.

Müller stellte ihm daraufhin eine Frage. Was würde er tun, wenn seine Tochter zu einem Musikfestival fährt, zu einer bestimmten Zeit wieder zu Hause sein soll und sich dann zwei Tage lang nicht meldet? Und sie am dritten Abend zur Tür hereinkommt? Er würde ausflippen, sagte der Arzt, weil er sich solche Sorgen gemacht hätte. Und wenn sie ihm dann sagen würde, er solle sich doch nicht so aufregen, es sei eh alles in Ordnung? In diesem Moment verstand der Arzt seine Patientin.

Diese Geschichte ist ein Lehrstück für den Perspektivwechsel. Müller erklärt dem Arzt nicht, was er falsch gemacht hat. Er holt ihn in eine Situation aus seinem eigenen Leben, in der er dasselbe fühlen würde. Genau das kannst du in jeder Präsentation nutzen. Wenn dein Publikum etwas nicht versteht, suche nach einer Situation aus seinem Alltag, in der es das Gleiche erlebt.

Übung. Nimm die wichtigste Aussage deiner nächsten Präsentation und frage dich, wann dein Publikum so etwas selbst schon erlebt hat. Erzähle diese Situation, bevor du die Aussage machst.

Die größte Angst

Im Lauf des Abends kam Müller auch auf die größte Angst von Männern zu sprechen. Er baute das geschickt auf und nannte zuerst eine ganze Reihe von Ängsten, die es nicht waren. Die Spannung stieg mit jeder Bemerkung. Dann kam die Auflösung. Es ist die Angst, vor einer Menge von Menschen zu sprechen.

Da musste ich schmunzeln, denn genau das zitiere ich auch in meinem Buch „3, 2, 1… Reden ist jetzt Deins“. Laut einer Umfrage in Deutschland aus dem Jahr 2013 ist das Sprechen vor Publikum für 41 Prozent der Befragten die größte Angst. Angst vor Krankheit und Tod nannten nur 19 Prozent. Ähnliche Zahlen lieferte schon 1973 eine bekannte amerikanische Umfrage (Bruskin Associates). Forscherinnen der University of Nebraska Omaha haben diese Frage 2012 bei Studierenden neu untersucht und das Ergebnis weitgehend bestätigt. Ob diese Angst nun auf Platz eins, zwei oder drei steht, sie betrifft extrem viele Menschen. Und der Mann, der darüber sprach, stand gerade selbst vor einer Menge von Menschen und zeigte, wie es geht.

Freiheit, Sicherheit und der Umgang mit Angst

Von den vielen Ansätzen, die Müller mitgab, sind mir diese besonders geblieben:

  • Freiheit und Sicherheit. Alle Menschen sehnen sich nach beidem. Die beiden liegen aber an den gegenüberliegenden Enden einer Skala. Wer mehr vom einen will, muss etwas vom anderen aufgeben. Wir leben in einer Welt, die so viel Freiheit ermöglicht wie nie zuvor und gleichzeitig so sicher ist wie nie zuvor. Angst ist darin trotzdem allgegenwärtig.
  • Angst ist wichtig. Ohne Angst würden wir keine zwei Tage überleben. Die Frage ist, wie viel subjektive Angst wir zulassen und wie wir lernen, mit ihr umzugehen.
  • Stelle dich der Angst. Wer Probleme verdrängt, macht sie größer, und mit ihnen die Angst. Sein Rat lautete sinngemäß, das Problem anzuschauen, es zu analysieren und eine Entscheidung zu treffen. Und zwar jetzt, nicht irgendwann.
  • Die Vorstellung dauert länger als die Situation. Ein Kündigungsgespräch ist schnell vorbei. Die Gedanken, die eine Führungskraft davor wälzt, können Tage oder Wochen dauern.

Den letzten Punkt kenne ich aus dem Coaching nur zu gut. Mit einer Präsentation ist es genauso. Die Rede dauert 20 Minuten, das Kopfkino davor oft Wochen. Je früher du dich dem Auftritt stellst und ihn vorbereitest, desto kürzer wird diese Zeit. Mehr dazu findest du auf der Seite Lampenfieber überwinden.

Rhetorik: Abwechslung hinter dem Rednerpult

Müller stand den ganzen Abend an einem Rednerpult. Viele Rhetorik-Ratgeber raten davon ab, weil das Pult eine Barriere zum Publikum bildet. Bei ihm hat das keine Rolle gespielt, denn er hat alles andere eingesetzt, was eine Stimme kann:

  • laut und leise
  • schnell und langsam
  • bewusst gesetzte Pausen
  • Humor, der sich durch den ganzen Abend zog

Dadurch entstand nie ein Muster, an das sich das Publikum gewöhnen konnte. Es gab keine Sekunde, in der man nicht zuhören wollte. Dasselbe Prinzip habe ich in der Analyse von Salman Khans TED Talk beschrieben, nur dass Khan sich dabei über die ganze Bühne bewegt. Müller zeigt, dass es auch auf einem Fleck funktioniert, wenn Inhalt und Stimme stimmen.

Bei Zahlen aus Studien nannte er übrigens keine Quellen. Normalerweise würde ich das im Coaching anmerken. Bei ihm hat es niemanden gestört. Man glaubte ihm einfach, weil seine Erfahrung für sich spricht.

Design: keine einzige Folie

In der nächsten Folge von „Talk unter der Lupe“ geht es um Lawrence Bernstein, der in seinem TEDx Talk mit einer einzigen Folie auskommt. Thomas Müller brauchte gar keine. 75 Minuten lang hatte das Publikum nur ihn und seine Geschichten.

Design ist der dritte Teil meiner Haus des Redens Methode, und dieser Abend zeigt, worum es dabei eigentlich geht. Folien sollen deine Aussage verstärken. Wenn deine Geschichten die Bilder schon im Kopf entstehen lassen, ist jede Folie zu viel. Den roten Faden hielt Müller mit seinem Versprechen am Anfang und mit einer kurzen Zusammenfassung seiner Aussagen am Ende.

Das heißt nicht, dass du ab sofort ohne Folien präsentieren sollst. Aber es lohnt sich, bei jeder Folie zu fragen, ob sie etwas zeigt, das deine Worte allein nicht schaffen.

Der Schluss: mit Humor auf den Punkt

Kurz vor dem Ende fasste Müller seine Aussagen in wenigen Sätzen zusammen. Dann schloss er mit einer Geschichte über einen E-Mail-Wechsel, den er vor dem Vortrag mit einem der Gäste hatte, ohne dessen Namen zu nennen. Die Pointe war, dass dieser Gast jetzt wohl Angst habe, sich zu outen, wenn es ans Signieren der Bücher geht.

Ein großartiger Abschluss. Lustig, leicht und trotzdem mitten im Thema. Das Publikum ging lachend hinaus und hatte die Botschaft im Gepäck.

Meine Kernaussage des Abends

Müller hatte viele starke Aussagen. Für mich lassen sie sich in einem Gedanken zusammenfassen. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der bewusste Umgang mit den eigenen Ängsten. Sich ihnen zu stellen und die Dinge dann zu tun. Das ist meine Zusammenfassung, kein wörtliches Zitat. Aber genau das hat er an diesem Abend gezeigt, inhaltlich und auf der Bühne.

Claudia Sima von Lebensgefühl, die als Lebens- und Sozialberaterin den Vortrag mehr aus psychologischer Sicht verfolgt hat, war genauso begeistert wie ich.

Zum Weiterlesen

Nach dem Vortrag erzählte Müller, worum es in seinen beiden Büchern geht:

Was du für deinen nächsten Auftritt mitnehmen kannst

  1. Sei du selbst. Sprich so, wie du sprichst, auch mit Dialekt, solange dich alle verstehen.
  2. Hole dein Publikum persönlich ins Thema. Eine Bitte wie „Denken Sie an Ihre drei größten Ängste“ wirkt stärker als jede Statistik.
  3. Erzähle Geschichten. Am besten solche, in denen sich dein Publikum selbst wiederfindet.
  4. Nutze den Perspektivwechsel. Führe dein Publikum in eine Situation, in der es selbst das Gleiche fühlt.
  5. Sorge für Abwechslung. Laut und leise, schnell und langsam, Pausen und Humor.
  6. Prüfe jede Folie. Sie muss etwas zeigen, das deine Worte allein nicht schaffen.
  7. Fasse zusammen und schließe mit einem Lächeln. Eine kurze Zusammenfassung und ein leichter Schluss bleiben hängen.

Und wenn die Angst vor dem Reden auch bei dir ganz oben steht, dann stelle dich ihr. Im Rhetorik-Coaching machen wir das gemeinsam, Schritt für Schritt.

Häufige Fragen

Kann man einen langen Vortrag ganz ohne Folien halten?

Ja, wenn der rote Faden klar ist und die Inhalte von Geschichten getragen werden. Folien sollen deine Aussage verstärken. Wenn deine Geschichten schon die Bilder im Kopf erzeugen, brauchst du keine. Wie du deine Präsentation so aufbaust, ist Teil des Coachings für Präsentationen und Vorträge.

Ist Reden vor Menschen wirklich die größte Angst?

Für sehr viele Menschen ja. In einer Umfrage in Deutschland aus dem Jahr 2013 nannten 41 Prozent das Sprechen vor Publikum als ihre größte Angst, Krankheit und Tod nur 19 Prozent. Ob Platz eins, zwei oder drei, die Angst ist weit verbreitet und lässt sich gut in den Griff bekommen. Wie, steht auf der Seite Lampenfieber überwinden.

Wie gehe ich mit Angst vor einem Auftritt um?

Stelle dich ihr, statt sie wegzuschieben. Sieh dir genau an, wovor du Angst hast, und entscheide dann, was du tust. Die Vorstellung eines Auftritts beschäftigt dich meist viel länger, als der Auftritt dauert. Gute Vorbereitung verkürzt diese Zeit. Mehr dazu in meinem Buch „3, 2, 1… Reden ist jetzt Deins“.

Darf man bei einem Vortrag Dialekt sprechen?

Ja, solange dich alle verstehen. Ein hörbarer Dialekt macht dich nahbar und echt, weil du so redest, wie du bist. Wer sich auf der Bühne verstellt, wirkt steif. Warum das so wichtig ist, erkläre ich in der Haus des Redens Methode.

Quellen

  1. Wikipedia: Thomas Müller (Psychologe)
  2. Statista: Die häufigsten Ängste der Menschen in Deutschland (2013)
  3. Dwyer & Davidson: Is Public Speaking Really More Feared Than Death? (University of Nebraska Omaha, 2012)